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Beim Bundesnachrichtendienst 1982 bis 1993

Im Laufe meines Lebens habe ich den Bundesnachrichtendienst zweimal kennen gelernt. Da gab es zunächst eine ziemlich große Behörde, die sehr geheim und nur schemenhaft erkennbar war, für den Großteil der deutschen Bevölkerung sowieso ein unbekanntes Wesen. Das Ausland wusste damals noch weniger vom Bundesnachrichtendienst. Das war gut so, den er arbeitete ja als Auslandsnachrichtendienst. Er sollte jenseits der Grenzen alles in Erfahrung bringen, was für die Sicherheit der alten Bundesrepublik erforderlich war.

 

Anfangs wurde das vor allem mit den amerikanischen Freunden abgestimmt, später – dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Stand angemessen – mit den europäischen Partnern oder in Frage kommenden neuen Vertrauten; den Israelis beispielsweise. Der BND war kein Staatssicherheitsdienst. Wenn er sich damals für Deutsche interessierte, dann hatte das stets einen massiven Auslandsbezug, und einen politischen obendrein.

 

Diese mysteriöse Einrichtung, sie saß schon seit Jahrzehnten hinter hohen Mauern im Münchner Nobelvorort Pullach, war nach außen nicht existent. Unter normalen Umständen sollte sich auch keiner ihrer Mitarbeiter auf sie berufen. Er musste, wenn er einer neugierigen Frage nach seinem Broterwerb ausgesetzt war, etwas von Bundesvermögensverwaltung oder so murmeln. Weitere Einzelheiten durfte er ohne Not nicht erzählen.

Er hatte das Thema zu wechseln oder – im Extremfall – den Frager einfach stehen zu lassen. Kein Fremder durfte etwas über den BND erfahren. So wurde es auch mir eingeschärft, als ich eines Tages dazugehörte. Das war die Regel. Gegen unsere Regeln verstießen wir nicht, weil es die gesamte Arbeit und damit die eigene Existenz, Kollegen und Informanten hätte gefährden können. Konspiration war alles, die geheime Datensammelei im Namen und Auftrag der Bundesrepublik das Ziel.

In der Summe betrachteten wir das als ehrenhaft – und als wichtig. Wir standen zum „Laden“, wie wir den BND ironisch verniedlichten (und damit für uns selbst anonymisierten), und er stand hinter uns. In dieser Gefühlslandschaft lebten wir, jedenfalls zu einer gewissen Zeit, die heute so unheimlich weit weg erscheint. Wie und warum, das wird noch zu erklären sein, ohne den Korpsgeist des Old Boy Network als selig machend zu preisen.

 

Zurück in das Jahr 1982. Ich hatte den sicheren Redakteursvertrag bei der QUICK längst aufgegeben und gegen einen Buchvertrag bei Droemer Knaur getauscht. Dafür reiste ich ziemlich intensiv in die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, recherchierte bei den „Geheimen Kommandos des Islam“. So lautete der spätere Untertitel des Buches „Heiliger Krieg für Allah“. Das blieb dem BND keineswegs verborgen. Spätestens dann, als ich die Pressestelle in Pullach um journalistische Hintergrundgespräche zu sensiblen Regionen bat, war ich nicht mehr zu übersehen. Nach einigen waghalsigen Aktionen, zum Beispiel in der syrischen Stadt Hama, wo das Regime des Hafiz Assad gerade einen islamistischen Putsch überlebt hatte, kontaktierte mich der Pressesprecher. Ob ich mir vorstellen könnte, mit seinen Kollegen von Nah-/Mittelost ein nicht-journalistisches Hintergrundgespräch zu führen. Ich konnte.

 

Die erste Begegnung fand im Sheraton Hotels & Towers in München-Bogenhausen statt. Casting pur. Zwei künftige Kollegen versuchten mich kennenzulernen, indem sie mich erzählen ließen. Von Hama, wie ich hinein und heil wieder heraus gekommen war, von meinen Erfahrungen und Beziehungen in anderen Ecken des Pulverfasses Nahost. Wir sprachen über die Speisekarte des italienischen Restaurants im ersten Stock des Cham-Hotels von Damaskus und über einen syrischen Fliegerhorst, den man an irgendeiner Stelle auf dem Weg nach Palmyra für einen kurzen Moment überblicken konnte.

 

Wir kamen auch zu ganz persönlichen, familiären Dingen, meine zehn Jahre lange Tätigkeit als Journalist, meine Zukunftsvisionen. Die beiden „Prüfer“ wollten wissen, warum ich gerade jetzt einer gut bezahlten Festanstellung den Rücken kehrte, wie ich es im Falle einer geheimen Tätigkeit mit der Loyalität halten würde.

„Können Sie sich vorstellen, Informationen zu bekommen und ausschließlich uns mitzuteilen, die Ihnen auch als Journalist von großem Nutzen wären? Glauben Sie, dass Sie diese Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen den beiden Berufen und zwischen zwei getrennten Existenzen überhaupt schaffen? Sie müssen sich immer im Klaren sein, dass Sie mit niemandem über Ihre Arbeit für den BND sprechen dürfen. Kein Außenstehender darf etwas wissen oder auch nur ahnen. Das liegt in Ihrem ureigensten Interesse.“

 

Die Antworten schienen im Sinne der beiden Nachrichtendienstler auszufallen, weil sie dieses ungewöhnliche Vorstellungsmeeting sehr herzlich beendeten und eine rasche, neue Kontaktaufnahme in Aussicht stellten. Für mich selbst war alles klar. Ich sah weiterhin mein Interesse im Nahen und Mittleren Osten. Diese Spezialisierung konnte mir der BND krisensicher anbieten. Da stellte sich nicht de Frage von Ethik und Moral, wie es heute immer wieder verkürzt dargestellt wird. Es war ein reguläres Arbeitsverhältnis und zu alledem – dieser Aspekt wird immer unterschlagen – diente es der Sicherheit Deutschlands.

 

Es sollte Wochen und mehrere ausführliche Treffen dauern, bis der Rahmen einer künftigen Zusammenarbeit erkennbar wurde. Meine neuen Partner kamen vom Referat 16A, das für die Aufklärung im nahen Orient zuständig war. An seiner Spitze stand ein alter Haudegen namens Cornelis Hausleiter, der in der Pullacher Zentrale mit dem erfundenen Arbeitsnamen Carl Hagemann – bei manchen Gelegenheiten auch als Bernhard Fischer oder Curt Hausmann – auftrat, ein Mann der ersten Stunde.

Ich hatte vorher noch nie von Cornelis Hausleiter gehört, weil er bis dahin Schlagzeilen gemieden und niemand über ihn geplaudert hatte. Seinerzeit sorgte der BND noch nicht für eine endlose Kette von Skandalen und Schlagzeilen, lebte wirklich eine verschworene Gemeinschaft hinter den hohen Mauern des alten NS-Camps „Nikolaus“ im eleganten Münchner Süden. Damals hatte der Kalte Krieg gerade seinen Höhepunkt erreicht. So zählte die absolute Geheimhaltung zur wichtigsten Pflicht. Das nahmen wir bedingungslos ernst, und hielten uns auch daran.

Aus diesem Grund dauerte es lange, bis ich begriff, dass das Kürzel 16A für eine ziemlich kleine und ungewöhnliche Truppe stand. Da waren eingefleischte Zivilisten dabei, aber auch ehemalige Militärs, Draufgänger im besten Sinne, die nach ihrem Ausscheiden beim BND kein Problem darin sahen, Gaddafis Leibgarde zu trainieren. Andere widmeten sich der Entwicklung und dem Vertrieb aufwendiger Sicherheitstechnik. 16A, auch das erfuhr ich erst nach und nach, ging gerne eigene Wege, die für Höherplatzierte aus der Pullacher Hierarchie nicht immer ausreichend transparent waren.

Deshalb wurden Hausleiters Mannen auch für ungewöhnliche Aufträge eingesetzt, bei denen der Nahe und Mittlere Osten nicht einmal als Tarnung vorkam. 16A diente immer wieder als eine Art Feuerwehr, und seine Mitarbeiter beherrschten die Kunst des Alarmstarts. Wir rückten häufig aus, weil es irgendwo brannte, oder weil wir ahnten, dass die Flammen bald ordentlich züngeln würden.

 

Das stand im absoluten Gegensatz zu den drögen Ritualen anderer Referate, wo man tagelang tüftelte, um eine simple Dienstreise zu organisieren. 16A, das waren die Praktiker, und gerade das sollte meine zehn Jahre und acht Monate beim BND zum Erfolg werden lassen.

Nun fehlten mir noch die zahlreichen Hinweise aus dem täglichen Leben mit denen jeder Newcomer versorgt, Gebote und Verbote, die mit vielen Abkürzungen durchsetzte BND-Sprache. Konspiration war wichtig, die dauerhafte Abschottung gegen Freunde und Bekannte, gegen die eigene Familie. Jeder sollte glauben, ich würde meine zahlreichen Reisen an immer exotischere Plätze als vielbeschäftigter Journalist unternehmen.

 

Ich musste mein gewohntes Leben weiterführen, durfte nicht plötzlich mit unerklärlich viel Bargeld um mich werfen oder lockere Reden führen über meine „neuen Möglichkeiten“. Niemand sollte eine plötzliche Veränderung feststellen. Das war nicht ganz einfach, weil sich der Umgang mit dem BND ausschließlich in Cash abspielte.

Ich bekam Reisekostenvorschüsse und nach meiner Rückkehr die kompletten Abrechnungen und Honorare bar ausbezahlt. Mein Lieblingsposten war das sogenannte „Bewegungsgeld“. 180 Mark am Tag, die dafür sorgten, dass ich stets flüssig war, und deren Verwendung nicht mehr extra nachgewiesen werden musste. Ich entlohnte natürlich meine Quellen auch in bar. Nur später, als der Apparat ordentlich eingefahren war und deshalb von selbst lief, durfte ich die Gelder an meine Informanten im Ausland auch überweisen. Die angegebenen Zahlungsgründe waren natürlich völlig harmlos und für Außenstehende irreführend. Da konnte es schon vorkommen, dass ich bei Swarowski in Österreich die Lieferschulden eines arabischen Importeurs beglich, und dieser meine Quelle ausbezahlte.

 

Die Arbeit an sich bot nichts Überraschendes. Ich recherchierte, wie ich es als Journalist auch getan hätte. Damals, als im Journalismus noch die Meßlatte des Investigativen angelegt wurde, war er im Beschaffungsalltag von den Geheimdiensten gar nicht so weit entfernt. Nur, beim BND ging es ausnahmslos um Details, die sehr spezifisch und in den Ländern unseres Interesses streng geheim waren. Welcher Journalist versuchte schon, das Handbuch für die neue MiG-29 zu bekommen, um es dann als Artikelserie im Original abzudrucken? Wer würde die konspirativ beschafften Reisedaten eines möglicherweise ziemlich gefährlichen Libanesen in der Zeitung veröffentlichen? Die geheimdienstliche Arbeit war ähnlich und doch in Vielem ganz anders.

 

Wenn ich einen Treff in einer fremden Stadt wahrzunehmen hatte, sei es die erste Begegnung mit einer neuen Quelle oder auch mit einem nicht so vertrauten Informanten, dann musste ich entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen. Ich reiste einen oder zwei Tage vorher an und ließ mich erst einmal treiben. Ich umkreiste den Ort des späteren Treffens, sah mir alle Ein- und Ausgänge an, die Tiefgarage, mögliche Fluchtwege, die Zufahrtsstraßen. Meistens handelte es sich um ein Hotel oder ein Restaurant. In der Regel wohnte ich aus Sicherheitsgründen in einem anderen Hotel. Ich durfte nichts dem Zufall – oder den anderen – überlassen, musste in jedem Fall die Regie in der Hand behalten. Nur in Ausnahmefällen ließ ich mich telefonisch im letzten Moment zu einem anderen Treffort locken, ein beliebtes Stilmittel der Nachrichtendienste, um selbst den Ablauf bestimmen zu können.

 

Ich achtete bei Dienstreisen sehr darauf, keine eingefahrenen Rituale zu praktizieren. Das heißt, ich kündigte an, wie üblich mit der 18-Uhr-Maschine zu kommen, traf aber dann bereits mittags ein. Ich fuhr nicht den direkten Weg zum Treffort, sondern nahm einen weiten Umweg. Ich benutzte kein Taxi, sondern die U-Bahn. Mögliche Verfolger „schüttelte“ ich ab, indem ich ein Kaufhaus durchquerte, die Tiefgarage eines Hotels, wo man auf der einen Seite rein fahren kann und auf der anderen wieder raus, nutzte die vielen Möglichkeiten eines Bahnhofs, das Labyrinth einer großen Firma, wo man mich kannte. Erst wenn ich sicher war, dass mir niemand folgte, steuerte ich mein eigentliches Ziel an. Auf dem Rückweg war es ähnlich.

 

Beim BND gab es keinen „Q“, wie man ihn aus den Bond-Filmen kennt. Da trat vor Beginn einer Dienstreise kein Leiter einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf und präsentierte neue technische Spielereien. Nur bei zwei Gelegenheiten bekam ich Hilfsmittel. Nach einer Tagung der Arabischen Liga (1989 in Amman) zog ich mich nach Zypern zurück und schrieb einen langen Bericht für die Zentrale. Dabei benutzte ich die frühe Version eines relativ kleinen Laptops mit einem angeblich vom BND selbst entwickelten separaten Modem. Das Modem verschlüsselte meine Texte. Es soll alles gut geklappt haben. An mehr technische Details kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

 

Für den Notfall erhielt ich ein Ringbuch mit Papier, das sich bei Berührung mit Wasser selbst auflöste. In Sekunden wurde aus dem schneeweißen Blatt eine milchige Pampe, die man durch den Ausguss spülte. Das konnte niemand mehr rekonstruieren. Der Vorgang an sich sah aus wie ein Zaubertrick.

Und noch etwas unterschied uns von James Bond und Co.: Beim BND gab und gibt es keine Pistolen, Revolver oder gar größeres Gerät. Wir sammelten Informationen, und das geschah mit Bleistift und Kugelschreiber; in eher seltenen Fällen mit Ton-Aufnahmegeräten und Kameras.

 

Die Ware Nachricht erhielt für mich im Sommer 1982 eine neue Qualität. Auch dieser Umstand verhinderte, dass ich beide Berufe vermengte. Ich sah ganz deutlich die Grenzen zwischen Medien und Nachrichtendienst und orientierte mich daran. Ein Problem bekam ich nicht, weil ich beide Tätigkeiten ausschließlich professionell betrieb. Der BND wurde zu meinem wichtigsten Auftraggeber. Als ich die Institution genug kennengelernt hatte, entzauberte sie sich von selbst. Ich kam deshalb nie in Versuchung, 007 nachzuspielen. Auf meinem regionalen Arbeitsfeld mangelte es ohnehin nachhaltig an Bond-Girls.

 

Der BND war und ist eine wenig flexible Bürokratie, wo der Dienstschluss und die Auslandszuschläge eine tragende Rolle spielen, Bleistifte eine Verlängerung bekommen, damit sie bis zum letzten Rest benutzt werden können. Und außerdem: Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare. Nicht umsonst gilt dieser Spruch als Leitfaden durch die Dienstwege von Pullach – und heute von Berlin. Glücklicherweise hatte ich damit wenig zu tun. Der Papierkrieg wurde mir von meinen Führungsleuten abgenommen. Ich musste mich ausschließlich auf die Beschaffung von Informationen und das Abschöpfen von Quellen konzentrieren. Das war aufreibend genug.

Von Anfang der 80er bis Anfang der 90er Jahre arbeitete ich für den BND unter dem Decknamen „Dali“ in beinahe allen Ländern des sehr weit gefassten Krisenbogens von Ostindien bis Tunesien. Ich pflegte umfassende Kontakte zu Führungskräften dieser Länder, zu Mitarbeitern von Geheimdiensten und Befreiungsbewegungen. Das bedingte natürlich, dass ich bei allen Kämpfen jener Zeit irgendwann in der ersten Reihe auftauchte. Der BND interessierte sich immer für den Stand des jeweiligen Krieges, die Situation der Kontrahenten und für ihre Ausrüstung sowie deren Lieferanten. Das war eine immer gleiche Vorgabe, von Afghanistan bis Iran/Irak, vom Libanon bis zum Jemen.

 

Darüber hinaus kümmerte ich mich in all diesen Ländern um Daten zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung, um militärische und polizeiliche Geheimnisse, um Waffen- und Rauschgifthandel – und den immer bedeutsamer werdenden internationalen Terrorismus. In Bezug auf die Organisation des palästinensischen Separatisten Abu Nidal gelang es mir, die Reisebewegungen gefährlicher Terroristen im Vorfeld abzuklären. Ich beschaffte ihre Klarnamen und die Daten ihres persönlichen Umfelds, im besten Fall sogar Angaben über ihre Terrorziele. 856 meiner Meldungen wurden vom BND bewertet. Das ist ziemlich viel.

Genaue Einzelheiten zu allen Operationen für den BND finden sich in meinem Erinnerungsbuch „Deckname Dali/ Ein BND-Agent packt aus“, erschienen im Frühjahr 2007 im Eichborn-Verlag.

 

Für 130 Monate Zusammenarbeit mit dem BND bekam ich 224 956,00 Mark Entlohnung, dazu 9 522,20 Mark an Prämien für außerordentliche Leistungen beziehungsweise als Motivation, und 418 260,71 Mark Auslagenerstattung. Das waren 1803 Mark im Monat. Ein Betrag, von dem in meinem gesellschaftlichen Umfeld niemand leben kann. Wer 1803 Mark im Monat verdient, muss noch einer zweiten Tätigkeit nachgehen, die ordentlich honoriert wird. Deutsche Presseberichte, die mir 2006 ein BND-Salär von 650 000 Mark und mehr vorwarfen, waren pure Hetze und Desinformation.

 

Meine Arbeit für den Bundesnachrichtendienst endete mit dem Jahr 1992. Den Anstoß lieferte 008. So lautete der von ihm – dem Staatsminister im Bundeskanzleramt Bernd Schmidbauer - stets schmunzelnd zur Kenntnis genommene Spitzname. Ich hatte zusammen mit zahlreichen Kollegen aus dem Bundesnachrichtendienst von 1987 bis 1992 an den Fällen der deutschen Geiseln im Libanon gearbeitet. Bekanntlich hatte der schiitische Hamadi-Clan Deutsche entführt, um sie gegen Verwandte, die in deutschen Gefängnissen wegen Terrortaten einsaßen, auszutauschen. Im Juni 1992 kamen die letzten Geiseln auf Vermittlung der Vereinten Nationen nach 1128 Tagen frei: Heinrich Strübig und Thomas Kemptner. Schmidbauer, der sich erst seit Ende 1991 damit beschäftigte, flog nach Beirut, um die beiden abzuholen.

Der umtriebige Staatsminister nutzte die Gunst der Stunde, sich gezielt in den Vordergrund zu drängen, obwohl er die Geiseln nicht befreit hatte. Er führte Tagesregie und war für die Optik der TV-Kameras bei der Landung in Köln-Wahn zuständig. Die Medien fielen darauf herein. Sogar die sonst zu kluge „Süddeutsche Zeitung“ – sie hatte vorher frech geschrieben, die Geiseln kämen „nicht wegen, sondern trotz der Bemühungen des Staatsministers Bernd Schmidbauer“ frei – strickte mit am Mythos. Schmidbauer habe „die Freilassung deutscher Geiseln im Libanon“ erreicht.

 

Schon im Sommer 1992 ging ein Murren durch die Reihen des BND. Einige der Altgedienten, die jahrelang an Problemlösungen für die entführten Deutschen gearbeitet hatten, reagierten erstaunt bis ablehnend auf Schmidbauers Strategie, den Erfolg ins politische Lager, und damit in das von der CDU bestimmte Kanzleramt, zu entführen. Kein Zweifel, als Geheimdienst-Koordinator hatte er dazu die Macht. Ob es moralisch korrekt war, stand auf einem anderen Blatt.

Kurze Zeit danach fand in Budapest eine internationale Konferenz von Terrorexperten statt. Ich war dazu eingeladen, weil ich bereits seit Jahren dem Bonner Institut für Terrorismusforschung angehörte und auf diesem Feld einiges geschrieben hatte. Während der offiziellen Diskussionen kam die Rede auf den Umgang der Deutschen mit ihrem Geiselproblem im Libanon. Dabei wurde Schmidbauer in seiner vermeintlich heldenhaften „008“-Funktion gefeiert.

 

In mir stieg die spontane Befürchtung hoch, diese falsche Version würde sich auch bei den Fachleuten der Tagung festigen. Also meldete ich mich zu Wort und erklärte in einem kurzen Statement, wie es zu dem Missverständnis kommen konnte, Schmidbauer habe die entführten Entwicklungshelfer „befreit“.

Die hausinternen Mühlen fingen an, jeden Satz zu zermahlen. Der Anfang vom Ende meiner BND-Jahre war erreicht. Es traf mich nicht unvorbereitet und keineswegs als Schicksalsschlag. Längst lagen meine Nerven blank. Zu oft hatte ich bei meiner lebensgefährlichen Tätigkeit gemerkt, wie wichtig die Sicherheit des Hauses war, wie gering meine eigene bewertet wurde. Im Nahen Osten spürte ich damals bereits wachsendes Misstrauen bei offiziellen Gesprächspartnern. Ermittelten die von chronischer Spionitis befallenen Dienste schon mit dem konkreten Verdacht der Geheimdiensttätigkeit gegen mich?

 

In Pullach ging es häufig nur noch um die mechanische Abwicklung von Beschaffungsaufträgen. Das Herzliche, das Familiäre der Anfangszeit, vor allem die Vertrauensbasis, war mit Verbindungsführern und Kollegen aller Art in deren Ruhestand verschwunden. Wenn eine Operation erfolgreich war, dann würde sie früher oder später von anderen übernommen, die selbst damit punkten wollten. Der Ober stach den Unter. Die Karawane zog weiter.

Die Weihnachtszeit des Jahres 1992 war wie üblich sehr geschäftig und deshalb bekamen wir den „Scheidungstermin“ im alten Jahr nicht mehr hin. Er wurde gleich 1993 als erste Amtshandlung abgewickelt, ironischerweise am selben Ort wie das Vorstellungsgespräch, im Münchner Sheraton-Hotel. Der Unterabteilungsleiter 16, damals Oberst Tebs, verlas die Sicherheitsbelehrung. Es ging dabei um absolute Verschwiegenheit zu allen Vorgängen, die mich mit dem BND verbanden. Der zweite Teil benannte Länder, in die ich in naher Zukunft aus Sicherheitsgründen nicht mehr reisen sollte.

Ein Lebensabschnitt war beendet.

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